
Der Horizont ist hier kein Rand, sondern der Gegenstand selbst. Das Land liegt flach genug, um ihn nicht zu stören. Was übrig bleibt, sind Licht, Wind und die Frage, wie lange etwas bleibt.
Wer aus dem Süden kommt, hält Nordfriesland zuerst für leer. Das ist ein Irrtum der Gewohnheit. Wo keine Berge stehen, sucht das Auge zunächst vergeblich nach etwas, woran es sich festhalten kann, und meldet Mangel. Es ist nicht leer, es ist offen. Offenheit verlangt nur, dass man länger hinsieht.

Fünf Geschwindigkeiten
Man kann diese Landschaft nach der Zeit ordnen, die sie braucht, um sich zu verändern. Das ist keine Systematik, sondern die einfachste Art, sie zu verstehen: Alles hier bewegt sich, nur verschieden schnell.
- Der Augenblick Impressionen Das Licht wechselt schneller, als man hinsehen kann. Zwischen zwei Blicken ist die Farbe des Wassers eine andere.
- Die Stunde Das Wetter Der Himmel ist die eigentliche Landschaft. Er zieht durch, und er lässt sich nichts sagen.
- Zweimal am Tag Die Küste Das Meer geht fort und kommt wieder. Man kann die Uhr danach stellen, und man muss es auch.
- Das Jahr Die Jahreszeiten Das Jahr hat hier nicht vier Teile, sondern zwei: die helle Hälfte und die dunkle.
- Die Jahrhunderte Geschichte Unter dem Watt liegen Dörfer, deren Namen man noch kennt.

Eine Küste ist kein Ort, sondern eine Verhandlung.
Nordfriesland ist der nordwestlichste Zipfel Deutschlands: die Marsch am Wasser, landeinwärts die Geest, seewärts die Inseln und die Halligen, und über allem ein Himmel, der mehr Platz einnimmt als das Land. Zweitausend Quadratkilometer, kaum hundertsiebzigtausend Menschen, die geringste Bevölkerungsdichte Schleswig-Holsteins. Man hat hier Raum, ob man will oder nicht.
Was diesen Landstrich von anderen schönen Gegenden unterscheidet, ist nicht die Schönheit. Es ist der Umstand, dass er nicht selbstverständlich da ist. Ein großer Teil dieses Landes liegt tiefer als das Wasser, das davor steht. Er existiert, weil Menschen ihn dem Meer abgehandelt und seither ununterbrochen verteidigt haben. Wer das weiß, sieht einen Deich nicht mehr als Erdhügel.